Manila

Sozialpraktikum im „Margaretha Home for the Blind“ auf den Philippinen

Eva Lenz berichtet von ihrem Aufenthalt von August - Oktober 2013

“Hi Ate Eva“ - “Are you okay, Ate Eva?” - “Good morning, Ate Eva” Dieses Attribut vor meinem Namen, mit dem mich die Mädchen und Hausmütter im Margaretha Home angesprochen haben, war mir zunächst fremd. Es wird gegenüber weiblichen Personen, die älter sind oder eine höhere Position als man selbst haben, verwendet und drückt Respekt aus. - Jetzt, zurück in Deutschland, zaubert es mir ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich es in den vielen Abschiedsbriefen der Mädchen lese.

Sechseinhalb Wochen war ich als Sonderpädagogik-Studentin im Margaretha Home for the Blind in der Metropole Manila, um dort mit den Schwestern, den Mädchen und den Hausmüttern zu leben und zu arbeiten. Es war eine intensive Zeit, die aufgrund der klimatischen und kulturellen Unterschiede einige Herausforderungen für mich bereithielt, welche allerdings in keinem Verhältnis zu den zahlreichen positiven Erlebnissen und wertvollen Erfahrungen stehen, die ich machen durfte.

Ich habe mit den 15 blinden und sehbehinderten Mädchen mit teilweise zusätzlichen geistigen und psychischen Behinderungen und ihren Hausmüttern zusammen in einem Haus gewohnt und konnte so für einige Zeit Teil ihres familiär geprägten Zusammenlebens sein. Darüber hinaus habe ich Einblicke in das Leben im Konvent mit Schwester Maria Dolores und Schwester Theresia bekommen.

 

Dass der Tag bereits um 6h mit dem Morgengebet und anschließend mit Reis und Beilagen wie einem Würstchen oder einem Ei als Frühstück beginnt, war anfangs ungewöhnlich. Reis ist der Haupt-bestandteil der Mahlzeiten und wird dreimal täglich mit verschiedenen Beilagen aus Fleisch und Gemüse gegessen. Der hohe Fleischkonsum war eine Umstellung für mich, allerdings sind mir die Hausmütter, die abwechselnd für das Kochen zuständig sind, sehr entgegengekommen und haben darauf geachtet, mir wenig Fleisch und stattdessen mehr Gemüse zu geben.   

Nach dem frühen Start in den Tag nahm ich vormittags am „Mother Pauline Learning Center“ teil, in dem etwa die Hälfte der Mädchen unterrichtet werden, weil sie aufgrund ihrer zusätzlichen Behinderungen keine Regelschule besuchen können. Das Learning Center gibt den Mädchen viel Tagesstruktur, in dem sie sich zu Beginn gegenseitig begrüßen, das Datum des Tages besprechen, Lieder singen und von den Ereignissen des letzten Tages berichten.    
Anschließend folgen vom jeweiligen Wochentag abhängend individuelle Förderung in Fächern wie „Braille Reading and Writing“, „Braille and Mathematics“ und „Computer Lesson“ oder gemeinsame Unterrichtsstunden in Gymnastik oder Kochen. Vor allem bei den Einzelarbeiten konnte ich die Mädchen persönlich unterstützen und ihnen neue Aufgaben anbieten. 

Einmal in der Woche habe ich außerdem zusammen mit der blinden Lehrerin, der Sozialarbeiterin und der Krankenschwester das Orientierungs- und Mobilitätstraining geplant und durchgeführt. Wir haben den Mädchen gezeigt, wie sie sich alleine im Raum bewegen können und wie sie mit einem sehenden Begleiter zum Beispiel durch eine Tür oder enge Gänge gehen.

 

Nachmittags im Workshop „Helping and healing hands“ basteln die Mädchen Weihnachtskarten oder bekommen verschiedenste Aufgaben mit Murmeln, Perlen, Münzen und Dosen, um Fähigkeiten wie die Feinmotorik zu fördern. Anfangs habe ich die Arbeiten der Mädchen betreut und selbst unterstützt, nach einiger Zeit ergab sich für mich allerdings ein eigenes Projekt, welches ich in der Zeit des Workshops aufbauen konnte. Zufällig gibt es im Margaretha Home nämlich eine Querflöte, die allerdings niemand spielen kann. Da ich selbst Querflöte spiele, habe ich mir vorgenommen, Unterricht zu geben. Angefangen habe ich mit der Lehrerin, in der Hoffnung, dass sie ihre gelernten Kenntnisse weitergeben kann, wenn ich nicht mehr im Margaretha Home bin. Wenig später habe ich dann auch anderen Mädchen, die schon Erfah-rungen im Blockflöte Spielen haben, Unterricht angeboten, sodass ich letztendlich vier Schülerinnen hatte, die ich manchmal täglich unterrichtete. Anfangs fehlten mir die englischen Fachbegriffe und

selbst wenn ich sie nachgeguckt hatte, dann verstanden die Mädchen im Gegenzug nicht un-bedingt, was ich genau damit meinte. Dass die Mädchen hauptsächlich bzw. ausschließlich auf taktiles Lernen anstelle von visuellem Lernen (dass sie erfühlen wie ich selbst die Flöte halte und blase, anstatt zu beobachten) angewiesen sind, habe ich mir anfangs schwierig vorgestellt, aber letztendlich hat es gut geklappt.

Es war eine interessante Erfahrung, zu sehen wie die einzelnen Mädchen an das Querflöte Spielen heran gehen, und abhängig davon zu entschei-den, wie ich den Unterricht fortsetzen kann. Da ich selbst kein Flötenbuch dabei hatte und im Margaretha Home fast nur ohne Noten musiziert und gesungen wird, habe ich Tonfolgen oder einfache Lieder immer wieder vorgesungen oder selbst vorgespielt und die Mädchen haben sie wiederholt. Als mein Praktikum zu Ende war konnten einige meiner Schülerinnen bereits Weihnachtslieder spielen, was mich sehr gefreut hat.

Nach dem Workshop wird jeden Tag der Rosenkranz gebetet. Ich war anfangs überrascht, dass die Mädchen alle Gebete auswendig beten können und zugleich froh, dass mir Schwester Maria Dolores ein Heft gegeben hatte, in dem ich die englischen Texte mitlesen konnte. Generell spielt die Religion im Margaretha Home eine große Rolle und der Glaube findet neben dem täglichen Rosenkranzgebet in Gebeten vor und nach den Mahlzeiten, bei Autofahrten und im wöchentlichen Gottesdienst und Bibelteilen Ausdruck.       

Durch die Schwestern habe ich darüber hinaus viel persönlich über das Ordensleben erfahren und verschiedene Gottesdienste in den umliegenden Kirchengemeinden erlebt. Auch insgesamt schien mir der Glaube auf den Philippinen präsenter und selbstverständlicher zu sein als in Deutschland: In den zahlreichen Malls (Einkaufszentren) von Manila gibt es zum Beispiel oft Kapellen, in denen Menschen zwischen ihren Einkäufen beten und Gottesdienst feiern können und viele Jeepneys (typisch philippinische, bunt bemalte, öffentliche Verkehrsmittel) sind mit religiösen Symbolen, Sprüchen oder Personen verziert.

So wie Jeepneys fester Bestandteil des Straßenbildes in Manila sind, gehören auch volle Straßen und Stau dazu, sodass man nie weiß, wann man sein Ziel erreichen wird. Neben Jeepneys, Autos und LKWs schieben sich Tricycles (Motorräder mit Beiwagen) und Pedilecs (Fahrräder mit Beiwagen), die beide als einfache Taxis fungieren, Roller und Fahrräder durch die Straßen und zwischen den Fahrzeugen verkaufen Menschen einzelne Bonbons oder Zigaretten an die Fahrer. Dazu kommt, dass Verkehrsregeln selten beachtet werden, weshalb ich wirklich froh war, nicht selbst Auto zu fahren.

Neben den alltäglichen Erfahrungen im Learning Center und im Workshop des Margaretha Home habe ich auch Einblicke in die Schulen der staatlich beschulten Mädchen und das Schulsystem bekommen. Auf den Philippinen werden Menschen mit Behinderung in allgemeine Klassen integriert, allerdings hat jede Schule einen Ressourcenraum für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler, in dem selbige Unterstützung von sonderpädagogischen Lehrkräften erhalten. In der High-School durfte ich bei der Nachmittagsbetreuung im Ressourcenraum hospitieren. Dort kommen die Schülerinnen und Schüler nach ihrem regulären Unterricht hin, um Aufgaben aus dem Unterricht zu klären, Texte in Braille übersetzen zu lassen oder Hausaufgaben zu machen. 

Einen Vormittag konnte ich darüber hinaus mit den beiden jüngsten Mädchen des Margaretha Home zu ihrer vorschulischen Förderung, die von der Sonderpädagogin der Grundschule geleitet wird, gehen. Die Mädchen lernen dort Grundlagen des Braille-Lesens und –Schreibens und der Mathematik, um später in der regulären Grundschulklasse besser zurechtzukommen. Ich fand es interessant zu sehen, dass auf den Philippinen schulische Integration stattfindet,

wobei die individuelle Förderung der blinden und sehbehinderten Kinder und Jugendlichen schon allein aufgrund der Klassengrößen von 50 Personen vermutlich viel zu kurz kommt und ungewiss ist, wie viele Kinder und Jugendliche mit Behinderung gar nicht in die Schule gehen.Neben dem Kennenlernen der schulischen Bildung haben die Schwestern mir auch andere „außer-alltägliche“ Aktivitäten in Bezug auf Sonderpädagogik, aber ebenso das Kennenlernen der Stadt und ihrer Umgebung ermöglicht, wodurch meine Zeit auf den Philippinen sehr abwechslungsreich und interessant war.

Ich habe eine große Institution für blinde Menschen auf den Philippinen („Ressources for the Blind“), die unter anderem Hilfsmittel und Material in Form von Braille-Büchern zur Verfügung stellt, Frühförderung, Computerkurse und Sommerfreizeiten anbietet und Studienanfänger oder Jobsuchende unterstützt, kennengelernt. Außerdem konnte ich in einer Einrichtung für erwachsene Menschen mit Blindheit, in der unter anderem Computer- und Massagekurse angeboten werden, hospitieren.                   
Die Schwestern haben mit mir unter anderem einen Ausflug in die nahegelegenen Berge nach Tagaytay gemacht, der eine schöne und „naturreiche“ Abwechslung zu der Großstadt war, sie haben mir das von der spanischen Kolonialzeit geprägte Stadtviertel Intramuros und andere Sehens-würdigkeiten in Manila City gezeigt und wir haben es geschafft, trotz des vielen Regens wegen der Regenzeit den Sonnenuntergang in der Bucht von Manila zu sehen.                              
Erschreckend waren für mich auf den Fahrten durch die Metropole die sichtbaren großen Gegensätze zwischen Armut und Reichtum. Reiche Villenviertel stehen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Slums,…neben dem Yachthafen in der Bucht von Manila leben und schlafen Menschen auf Parkbänken oder unter Planen. Das Sozialpraktikum hat meinen Horizont auch in dieser Hinsicht erweitert und durch Gespräche mit den Schwestern habe ich viel über das Land, seine Menschen, seine Politik sowie geschichtliche und kulturelle Aspekte erfahren.

Abgesehen von den verschiedenen Unternehmungen war auch im Margaretha Home immer mal wieder Programm. Direkt an meinem ersten Wochenende wurde der Gründungstag des Ordens nachgefeiert, zu dem viele Freunde des Projektes gekommen waren. Außerdem gab es einige Geburtstage - von den Mädchen, von Schwester Theresia und von Mama Mary (Maria) – und andere Ereignisse, die auf verschiedene Weisen gefeiert wurden.              
Besonders schön und festlich habe ich auch die wöchentlichen Gottesdienste empfunden, zu denen die Mädchen extra ihre „Sonntagskleidung“ angezogen haben und die von lebendigen, mehrstim-migen Liedern mit Musik- und Rhythmusinstrumenten begleitet wurden.

An meinem letzten Wochenende wurden im Margaretha Home das Oktoberfest sowie gleich-zeitig mein Abschied gefeiert. Die Mädchen haben sich bei mir mit persönlichen Danksagungen, Gesang, Tanz und sogar einem Lied auf der Querflöte bedankt, was mich sehr gefreut hat. Im Anschluss haben wir zu bayrischer Musik getanzt und Kartoffelsalat mit Würstchen (und Reis) gegessen.    

     

Nach diesem sehr schönen, aber auch tränenreichen Abend habe ich realisiert, dass meine Zeit auf den Philippinen, die vorher noch lang und ungewiss schien, nun wirklich schon zu Ende ging.

Ich habe große Gastfreundschaft erlebt, viele liebenswürdige Menschen kennengelernt und in mein Herz geschlossen und sowohl in beruflicher Hinsicht als auch persönlich viel gelernt. Für diese intensive Zeit mit so vielen wertvollen Erfahrungen, die mir die Schwestern der Christlichen Liebe mit dem Sozialpraktikum ermöglicht haben, bin ich ihnen sehr dankbar!

Eva Lenz